Für Gott sind alle Menschen gleich


Das heutige Evangelium wartet mit einer Überraschung auf. Jesus, der sonst so überlegene Diskussionspartner in Streitgesprächen unterliegt einer kanaanäischen Frau. Auch wenn er damit seinem Ruf als Heilbringer gerecht wird, musste Jesus sich im Letzten den Argumenten der heidnischen Frau beugen.

Die kanaanäische Frau gehört nicht zum auserwählten Volk. Sie ist Heidin und damit in den Augen der Kinder Davids vom Heil ausgeschlossen. Ihr ist in den Augen der Auserwählten die Heilszusage Gottes versagt. Das ist dieser Frau bewusst und trotzdem wagt sie es, sich an den jüdischen Rabbi zu wenden. Jesus begegnet ihr auch mit der gebührenden Ablehnung und verweist auf einen eingeschränkten Auftrag, den er ja nur für das Volk Israel habe. Doch die Frau lässt nicht nach und es gelingt ihr mit dem Bild von den Hunden - ein abfälliges Wort für Heiden -, etwas von den Brotresten des Heils abzubekommen. Ihr Glaube an die Liebe Gottes zu allen Menschen gibt ihr die Kraft und den Mut, auch für ihre Tochter das Heil einzufordern. Es zeigt sich, dass Gott sich nicht nur um ein auserwähltes Volk kümmert, sondern um alle Menschen.

Die junge Kirche, für die der Evangelist Matthäus schreibt, tut sich anfangs schwer mit der Erfahrung, dass das Christentum auch außerhalb des Judentums Fuß fasst und die Botschaft des Evangeliums Menschen außerhalb des auserwählten Volkes anspricht. Erst nach und nach gelingt es, die Grenzen des Judentums zu überwinden und eine Gemeinschaft vieler Völker und Nationen zu werden.

Die Betonung einer besonderen Erwählung ist schwer zu überwinden. Wie gerne fühlt sich der Mensch anderen überlegen und stellt sich damit über die Anderen, weil sie nicht gleich denken, weil sie nicht so gut sind, weil sie ihren eigenen Weg gefunden haben. Diese Versuchung wird der Mensch auch nicht überwinden. Der Mensch steht in der Gefahr, sich als besonders begnadet, als besonders erwählt, von anderen abzugrenzen. Wie schnell sehen wir uns als braver, als frommer, als jemand, der es ernster meint und der Gebote besser befolgt als andere und das nicht nur im Religiösen. Elitäres Bewusstsein gibt es in allen Bereichen der Gesellschaft und macht auch nicht vor Kirche Halt. Es darf natürlich ein Besser und ein Weniger-Gut geben. Entwicklung lebt von einem gewissen Ehrgeiz, besser zu sein. Allerdings verbinden sich mit vielen elitären Strömungen Abgrenzung und Ausgrenzung. Wie schön ist es, sich zu einem auserwählten Kreis zugehörig zu fühlen, zu dem nicht jedermann Zutritt hat.

Die Hartnäckigkeit der kanaanäischen Frau erinnert daran, dass es bei Gott diese Grenzen nicht gibt. Gott unterscheidet nicht zwischen besser und schlechter. Ihm sind nicht die Menschen der einen Nation oder Religion lieber als die der anderen. Gottes Liebe gilt für alle Menschen gleich und er hat soviel von dieser Liebe, dass sie ohne Probleme für alle reicht. Es muss sich also kein Mensch als von Gott geliebter fühlen als der andere. Jeder Mensch bekommt von Gott soviel Liebe, wie er braucht, denn er ist Gottes geliebtes Kind.

Der Prophet Jesaja hat eine Vision, die über das Denken der Juden seiner Zeit hinausgeht. Er malt das Bild von der Völkerwanderung zum Haus des Herrn. Es wird nicht nur das Volk Israel sein, das zum Berg des Herrn pilgert. Alle Völker und Nationen, die an Gott glauben werden sich auf den Weg machen zu diesem Haus des Herrn, das ein Haus des Gebetes für alle Völker sein wird. Mit dieser Vision bricht der Prophet Auserwählungsdenken auf und drückt ein neues Verständnis von Gerechtigkeit aus. Gerechtigkeit wird nicht mehr mit der Abstammung verbunden. Gerecht ist es nicht mehr nur, das zu erhalten, was ich mir durch mein Leben erworben habe. Gerechtigkeit bedeutet nun, dass der Mensch erhält, was ihm gerecht wird. Der Mensch erhält, was er nötig hat, um Mensch zu sein, als Mensch leben zu können.

Gottes Gerechtigkeit orientiert sich nicht an der Leistung eines Menschen. Sie orientiert sich an der Liebe. Die Liebe aber sieht die Bedürftigkeit des Menschen. Sie hat einen Blick für das, was ein Mensch braucht, um in Würde leben zu können. Damit gibt es einen neuen Maßstab für Gerechtigkeit und Recht. Nicht mehr das, was man sich erworben hat, begründet den Anspruch auf Zuwendung, sondern die Würde des Menschen und was ihr dient. Der Mensch mit seinen Notwendigkeiten rückt ins Blickfeld und tritt an die Stelle des Blickes auf die Vorleistung, die erbracht worden ist. So gedacht bedeutet Gerechtigkeit nicht mehr, dass ich das gleiche oder vielleicht sogar mehr als der andere zu erhalten habe, sondern das was ich wirklich brauche. Es zählt nicht der Vergleich mit anderen, es zählt, dass ich es bin, ein Mensch. Wohl dem, der sich nicht ständig an anderen messen muss, sondern einfach sein darf. Die kanaanäische Frau hat bei Jesus eingefordert, was ihr Kind brauchte, nämlich Heil. Und ihre Tochter wurde heil. Das darf uns Mut machen, zu erbitten, was wir zu unserem Heil brauchen. Wir werden es erhalten. Es soll uns aber auch die Augen öffnen für das, was andere Menschen zum Heil brauchen. Das dürfen wir ihnen nicht versagen oder vorenthalten. Denn für Gott gibt es keine Unterschiede zwischen Menschen. Er liebt alle Menschen gleich.