Das heutige Evangelium könnte uns vor die Frage stellen, wie kann es sein, dass Gottes Sohn in Versuchung geführt wird. Hat er plötzlich seine Göttlichkeit verloren? Die Wissenschaft stellt sich wirklich die Frage, ob Jesus nicht auch ein anderes Leben hätte wählen können, ein anderes als das des Messias?

Wenn wir ernst nehmen, dass Jesus ganz Mensch war, dann müssen wir auch annehmen, dass er von seinem Vater die menschliche Freiheit erhalten hat, sich gegen Gott zu stellen. Diese Freiheit hat nur dann einen Sinn, wenn sich auch genützt wird. Nach den 40 Tagen des Fastens und Rückzuges in die Wüste wird Jesus deshalb vor die Entscheidung geführt, ob er sich für oder gegen Gott entscheidet. Wie wir gehört haben, widersteht Jesus den verlockenden Angeboten und entscheidet sich für Gott.

Die Versuchungen, denen Jesus widersteht, sind die Grundversuchungen des Menschen. Sie stehen für die Verlockungen der Macht. Jesus wird angeboten, über die Schöpfung und die Wesen des Himmels, ja über die gesamte Welt zu herrschen, aber er lehnt ab. Jesus widersteht der Versuchung, sich über andere zu stellen. Sein Weg ist der Weg des Dienens. Jesus entscheidet sich für Gott und erkennt damit die Größe Gottes an. Er erkennt an, dass Gott über den Menschen steht.

Die Grundversuchung des Menschen ist es, Gott gleich zu sein, nicht ihm ähnlich. Zwischen beiden Aussagen besteht ein feiner aber wichtiger Unterschied.

Im Buch Theophan der Mönch steht folgende Geschichte: Jedem Mönch, den ich traf, stellte ich diese Frage: „Was ist der dümmste Fehler, den du je gemacht hast?“ Einer antwortete: In meiner Zelle lag ein Stein, und ich habe ihn nicht geliebt.“ Ein anderer sagte: „Ich habe mich als einen Christen bezeichnen lassen, aber ich bin nicht zu Christus geworden.“ Ich fragte ersten, was er damit sagen wolle. „Ich verstehe nicht ganz… Du hast diesen Stein nicht geliebt…?“ „Ich habe ihn schlicht nicht geliebt. Ich war nahe daran, die Welt zu erlösen, aber auf diesen Stein habe ich herabgesehen.“ Ich fragte den anderen: „Du bist nicht zu Christus geworden? Soll man denn überhaupt zu Christus werden?“ „Fortwährend schuf ich Abstand zwischen mir und ihm – mit Suchen, mit Beten, mit Lesen. Immer habe ich diesen Abstand beklagt, aber ich hatte nicht begriffen, dass ich selber ihn erst herbeiführte.“ „Aber“, beharrte ich, „soll man denn zu Christus werden?“ Seine Antwort: „Kein Abstand.“

Kein Abstand – Christsein – Christus nachfolgen heißt ihm ähnlich werden, ihm nahe sein. Wollte ich Gott gleich sein, dann hieße das, an seine Stelle treten. Wenn ich ihm jedoch nur nahe bin, dann bleibt ein Unterschied, dann bleibe ich immer noch ich und Geschöpf. Gott bleibt Schöpfer und der Mensch bleibt Geschöpf. Der Mensch wird nicht zum Schöpfer, auch dann, wenn er seinen Schöpfungsauftrag wahrnimmt. Doch es ist eine Versuchung des Menschen, Gott sein zu wollen und damit die Macht über die Schöpfung in die Hand zu nehmen. Jesus widersteht dieser Versuchung und lehnt die Lockungen der Macht ab. Er verzichtet darauf, Macht über die Geschöpfe der Welt und die Wesen des Himmels zu übernehmen. So lebt Gottes Sohn ganz als Mensch jedoch im Dienste Gottes und der Menschen. Jesus hat seine menschliche Freiheit genützt und hat seine Entscheidung für Gott getroffen.

Wenn wir uns in den kommenden Wochen auf Ostern vorbereiten und in der Fastenzeit Verzicht üben, dann sollen wir uns dabei auch unseres Menschseins bewusst werden. Wir sollen unsere Geschöpflichkeit neu empfinden lernen, unsere Begrenztheit und unsere Verwiesenheit auf Gott. Der freiwillige Verzicht zeigt uns, was wir wirklich brauchen. Er führ uns einen Weg, der uns die Grundlagen unseres Lebens bewusst macht und dabei auch unsere Abhängigkeit von Gott und seiner Gnade aufzeigt. Schließlich soll uns die Fastenzeit sensibel machen, dass unser Heil von Gott kommt. Gott ist die Quelle unseres Lebens. Er ist Grund unserer Hoffnung auf Erlösung.

Das Bewusstwerden unserer Abhängigkeit und unserer Begrenztheit weist uns darauf hin, dass wir uns nicht selbst erlösen können, sondern dass Gott allein uns erlösen kann. In der kurzen Geschichte stellt der Erzähler die Frage, ob man zu Christus werden soll. Unser Weg als Christen ist ein Weg der Erlösten, jedoch nicht weil wir selbst Christus geworden sind, sondern weil wir ihm ähnlich sein wollen, ihm der uns Erlösung und Heil gebracht hat. Jesus hat seine Freiheit genützt und sich für Gott entschieden. Seien wir ihm ähnlich und nützten wir unsere Freiheit und entscheiden auch wir uns für Gott. Dann sind wir ihm nahe und erfahren unser Heil.