Gottvergessenheit


Langsam sind die Bilder der vergangenen Jahre verblasst, als ein Tsunami die Küsten in Asien überspülte und eine andere Flutwelle New Orleans verwüstete. Auch denkt niemand mehr so richtig an die Flutwellen der großen Flüsse in Deutschland. Und doch ist das Bedrohliche einer Flut nicht vergessen. Vom drohenden Weltuntergang war und ist die Rede. Die Menschheit soll aufgerüttelt werden, doch endlich auf ihre Welt zu achten, und gleichzeitig wird Resignation gestreut, dass der Mensch mit seinen Möglichkeiten bereits am Ende ist.

Von der Zeit der großen Flut spricht Jesus zu seinen Jüngern und erinnert sie an die große Flut zur Zeit des Noah. Gott schickt die Flut, um die Welt zu reinigen. Den Menschen wird ihre Gottvergessenheit zum Verhängnis, als allein Noah die Zeichen der Zeit versteht und sich vom Vertrauen in Gottes Wort leiten lässt und eine Arche baut.

Es wäre die falsche Parallele gezogen, wenn man die Opfer des Tsunami als Opfer eines großen Reinigungsbades Gottes sehen würde. Das ginge an der Realität der Opfer vorbei und würde ihr Schicksal missachten. Gottvergessenheit ist aber sehr wohl ein Thema unserer Tage. Die Zeichen unserer Welt lassen sich als Gottvergessenheit deuten. Wird Gott noch als der Schöpfer der Welt und der Ursprung des Lebens wahrgenommen? Welchen Raum nehmen die Ehrfurcht und der Respekt vor dem Geschenk der Natur und der Welt ein? Wo wird Leben als ein Leben in Verantwortung dem Schöpfer der Welt gegenüber erfahrbar?

In den meisten Diskussionen über den Schutz der Umwelt melden sich zwar viele zu Wort, doch nur wenige werden ernsthaft aktiv. Die Welt wird oft nur als Besitz und Eigentum gesehen, nicht jedoch als Lebensraum für viele Nationen und Generationen. Der eigene politische und wirtschaftliche Einfluss wiegt bei weitem mehr als die Sorge für das Wohl der ganzen Menschheit. Das Sprichwort – nach mir die Sintflut – ist wahrer denn je.

Noah überlebt die Flut, weil er sich nicht auf die Wort der Menschen verlässt, sondern sich auf Gottes Wort einlässt, obwohl er sich damit lächerlich macht.

Dieses Gedankengut seiner jüdischen Tradition greift Matthäus auf, als er über die Ankunft des Menschensohnes spricht. Wieder ist die Reinigung der Menschheit nötig, denn der Glaube an Gott gerät in Vergessenheit. Die Menschen haben sich ihre eigenen Götter zurechtgemacht und leben damit recht gut – zum Teil wenigstens. Durch das Leben Jesu werden die Menschen jedoch mit einem anderen Gottesbild konfrontiert. Das Auftreten Jesu provoziert, denn hier wird Gott in der Welt präsent gesetzt. Die Lesungen beschreiben diese neue Welt, die durch Jesus Christus in der Welt sichtbar wurde. Der Prophet Jesaja beschreibt die große Völkerwanderung aller Nationen zum Berg des Herrn. Hier erhalten die Menschen Weisung für ein neues Leben. Lasst uns unsere Wege im Licht des Herrn gehen, ohne Krieg und Auseinandersetzung. Auch der Römerbrief ruft auf zum Leben im Licht des Herrn, einem Leben ohne Maßlosigkeit, ohne Unzucht, Ausschweifung, Streit und Eifersucht. Leben im Licht des Herrn bedeutet Christus als Gewand anzuziehen. Die Ankunft des Menschensohnes fordert die Menschheit heraus, sich neu auf Gott einzulassen und ihn als Größe in ihrer Welt zu erkennen und zu verstehen.

Mit dem Advent beginnen wir heute die Zeit der Erwartung des Lichtes in unserer Zeit. Dieses Warten hat nichts passives, dieses Warten ist aktiv, bedeutet sich auf den Weg machen und die Weg des Herrn in unserer Zeit zu gehen. Wie es ein Noah verstand, die Zeichen seiner Zeit zu deuten, gilt es für uns heute, die Zeichen unserer Zeit zu deuten und uns auf den Weg zumachen in ein neues Leben, ein Leben im Licht des Herrn. Ankunft Gottes in unserer Zeit geschieht durch ein Leben aus dem Geist Christi. Leben aus dem Geist Christi führt Christus als das Licht in unsere Welt ein. Leben wird hell, weil wir zum Licht in der Welt werden. Ankunft Christi geschieht so durch uns.

Die große Flut der vergangenen Jahre hat große Hilfsbereitschaft ausgelöst und damit sicher viel Licht in die Finsternis der Katastrophen gebracht. Doch meist blieben diese Aktionen auf kurze Momente beschränkt. Leben aus dem Geist Christi ist nicht nur eine punktuelle Angelegenheit, keine Blitzaktion. Leben aus dem Geist Christi macht die Welt dauerhaft hell.