Gedanken von mir
 

Wachsein

Wer weiß nicht, wie es ist, auf jemanden zu warten. Da kann es sein, dass wir uns verabredet haben, und wir stehen nun an der abgesprochenen Stelle und warten und warten und warten  – es scheint ewig zu dauern, bis der Erwartete endlich kommt.

Das Volk Israel und mit ihm die ersten Christen warten auch. Sie warten auf die Ankunft des Herrschers der Welt, die das Ende der Zeiten ankündigt. Gerade haben sie einen großen Schock erlebt. Jerusalem ist zerstört worden. Alles ist vorbei, jetzt ist das Ende angebrochen. – Nur noch die Wiederkunft des Menschensohnes steht aus!

Doch der Evangelist bremst. Mag die Not auch noch so groß sein, sie ist nicht der Anfang vom Ende. Auch wenn alles in einer Katastrophe zu enden scheint, es ist nicht das Ende. Der Mensch kennt weder den Tag noch die Stunde. Markus fordert auch dazu auf, die Augen offen zu halten und auf die Begegnung mit Gott zu warten. Warten, das bedeutet einerseits in der Hoffnung und im Vertrauen leben, dass etwas geschieht. Andererseits weiß man nicht so recht, wann es wirklich so weit ist und wie es wirklich sein wird.

Das Evangelium und die Lesung sprechen vom Warten auf Gott. Bei Markus warten die Menschen auf Gottes Wiederkunft, auf der anderen Seite klagt der Prophet Jesaja, dass Menschen nicht mehr wach sind für die Ankunft Gottes.

Das Warten auf Gott scheint oft nur in Zeiten der Not eine Rolle zu spielen. Dann wenn wir Menschen mit unseren Antworten nicht mehr klar kommen, dann wenn wir nicht mehr wissen, wie es weitergeht. Dann interessiert plötzlich Gott als letzter Ausweg und Letztverantwortlicher für unser Wohlempfinden. Worte wie, die Not lehrt beten, sind Zeichen einer inneren Haltung, die Gott nur braucht, wenn es für uns eng wird. Und wenn sich dann nicht sofort etwas zum Guten wendet, dann wird die Frage nach dem Schweigen Gottes laut. Vielleicht haben wir aber nur sein Antworten nicht mehr gehört, weil Gott anders gesprochen hat, als wir es hören konnten? Keine Antwort heißt nicht, Gott sei beleidigt, sondern wir sind nicht mehr wach und haben nicht mehr die nötige Sensibilität für Gottes Wort. Wachsein heißt offen sein für jede Antwort, die von Gott kommt.

Ich stehe noch unter dem Eindruck von Erfahrungen eines Besuches in Ostdeutschland. Dort gibt es nur 10 – 15% Christen. Die anderen Menschen, so sagen Seelsorger, haben keine Antennen mehr für Gott. Nationalsozialismus und Sozialismus haben ihnen ihre Antennen abgebrochen. „Antennen für Gott haben“ kann ein Bild sein für unser Warten auf Gott, für unser Wachsein für Gottes Ankunft. Wie sieht es denn um unsere Antennen für Gott aus? Sind sie auf Empfang? Haben sie die richtige Frequenz, damit wir Gottes Worte empfangen können?

Die Antennen des Volkes Israel sind nicht mehr auf Empfang, so jammert der Prophet Jesaja. Er sieht sein Volk und erlebt, dass dieses Volk ganz gut ohne Gott auskommt. Es hat sich eingerichtet und lebt ganz ordentlich. Da kommt die Frage des Propheten: Wie kann es sein, dass Menschen Gott zurückweisen. Warum lässt Gott zu, dass Menschen ohne Gott leben? Je bequemer Leben wird, je mehr sich alles einspielt, desto mehr vergisst der Mensch seine Herkunft. Das Volk Israel scheint vergessen zu haben, dass Gott der Ursprung ihres Lebens ist. Doch gilt das Wort des Jesaja nur für Israel oder sind seine Worte nicht auch eine Warnung an uns. Dann wenn es uns gut geht, dann laufen auch wir Gefahr, unseren Ursprung zu vergessen, zu vergessen, dass Gott am Anfang jedes Lebens steht.

Warten auf Gott, das ist die Überschrift über der Zeit des Advents. Jedes Jahr erinnert uns diese Jahreszeit daran, dass wir Wachsein sollen für das Kommen Gottes. In dieser Zeit ist Jesaja ein wichtiger Rufer. Er will uns aufrütteln, damit wir wirklich aufmerksam genug sind, Gott in unserem Leben zu entdecken. Wenn wir vom Warten auf die Ankunft des Herrn sprechen, dann brauchen wir uns nicht Sorgen zu machen, er käme nicht. Gott versucht bei uns anzukommen. Vielmehr müssen wir uns darum sorgen, dass wir es merken, wenn er kommt. Wenn wir wirklich auf Gott warten, dann müssen wir das mit allen Sinnen tun und wir müssen damit rechnen, dass Gott anders kommt, als wir es erwarten. Der Advent will uns dazu helfen, unsere Sinne wieder zu schärfen und uns zu öffnen, damit wir es sehen, wenn der Herr kommt. Nehmen wir uns also die Worte des Propheten ernst und lassen wir uns aufrütteln - machen wir uns auf den Weg, dem Herrn entgegen.