Gebt ihr ihnen zu essen!


In den letzten Monaten wurde die Beobachterfunktion der Medien unter anderem dadurch geprägt, dass sie nicht müde wurde, ein gesellschaftliches Desaster heraufzubeschwören:


- Die Energiepreise sind zu hoch - die Armen müssen frieren.
- Die Lebensmittelpreise sind zu hoch - die Armen müssen hungern.
- Die Steuern und Abgaben sind zu hoch - den Armen bleibt nichts übrig.

Verbunden wurden diese Meldungen dann regelmäßig mit der Forderung, der Staat ist gefordert, der Staat muss etwas tun! - am besten verzichtet er sofort auf jede Steuer und irgendwie geartete Abgabe. Nein ich mache mich nicht über die Menschen in unserer Welt lustig, die wirklich arm sind und sich sehr genau überlegen müssen, wofür sie ihre wenigen Euros ausgeben.

Doch das gebetsmühlenartige Wiederholen bekannter Tatsachen klingt eher nach dem Abwiegeln der Jünger. Die schlagen ihrem Meister eine andere Lösung vor: Schick die Menschen einfach weg, damit sie sich etwas zu essen kaufen, dann haben wir nichts mehr damit zu tun, denn wir haben zu wenig für alle. Fünf Brote und zwei Fische reichen bei weitem nicht, um ein paar Tausend Menschen satt zu machen. Doch Jesus antwortet ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen! Und siehe da, mit dem Lobpreis und dem Segen Gottes reicht es für alle und es bleibt noch reichlich übrig.

Ein Wunder? Es ist viel spekuliert worden, wie den dieses Wunder ausgesehen hat, wo plötzlich alles herkommt. Hatten die Menschen doch genügend dabei und mussten nur daran erinnert werden? Bestand das Wunder darin, dass jeder bereit war, etwas zum Ganzen beizusteuern? Oder hat Jesus irgendetwas gedreht? Was wirklich passiert ist, wer weiß? Wichtig ist für uns die Erfahrung, dass Gott sich um den Menschen sorgt. Jesus spricht erst den Lobpreis über den wenigen Gaben, die die Jünger gefunden hatten, und lässt dann austeilen. Gott weiß, was der Mensch braucht und er wird für ihn sorgen.

Noch wichtiger ist die Erkenntnis, dass Jesus seine Jünger dazu auffordert, den vielen zu essen zu geben. Jesus nimmt ihnen nicht die Verantwortung für ihre Mitmenschen ab, sondern fordert sie auf, sich um ihre Nächsten zu kümmern. Hier könnten sich die Chaospropheten unseres Landes ansprechen lassen. Nicht das Wegschieben von Verantwortung wird etwas verändern, sondern das Übernehmen von Verantwortung für die Bedürftigen. Vielleicht könnte ja die Darstellung von Menschen, die "anderen zu essen geben" so manchen auf neue Gedanken bringen. Die Jünger nehmen ihre Verantwortung wahr, sie teilen aus und müssen erleben, dass ihre Bedenken unbegründet waren. Schließlich reicht es ja für alle und es bleibt genügend für alle übrig. Vielleicht brauchte es ja nur den berühmten ersten Schritt, den sie getan haben, damit andere auf die richtigen Ideen kamen. Am Ende hat wohl jeder seine Verantwortung wahrgenommen und einen Beitrag zum Wohl aller geleistet.

Das mit der Verantwortung ist so eine Sache. Wem ist der Mensch verantwortlich? Letztlich nur Gott, dem Schöpfer aller Dinge, aber das Leben Jesu hat gezeigt, dass diese Verantwortung Gott gegenüber Konsequenzen für den konkreten Alltag hat. Wir können nicht sagen, ich bin allein Gott verantwortlich und deshalb sind mir Menschen und Welt egal. Die Verantwortung Gott gegenüber hat gerade unseren Umgang mit den Menschen und mit der Welt im Blick. Die Verantwortung Gott gegenüber wahrzunehmen heißt, den Menschen in seiner Würde und seinem Wert zu achten unabhängig von seinem Geschlecht, seiner Nationalität, seinem Alter, seinem Beruf und sozialen Status. Verantwortlich leben stellt die Frage danach, wie ich den Menschen sehe und was ich dafür tue, dass er menschenwürdig leben kann. Das "Gebt ihr ihnen zu essen" eines Jesus von Nazareth stellt an uns die Frage, was wir für ein gemeinsames Leben tun, damit darin genug für alle bleibt.

Gebt ihr ihnen zu essen, das verstehe ich nicht als Aufforderung noch mehr Armenspeisungen einzurichten, denn es ist für Viele berechtigter Weise unter ihrer Würde dorthin zu gehen. Gebt ihr ihnen zu essen, kann auch heißen so zu wirtschaften, dass Menschen für ihre Arbeit und ihren Einsatz entsprechend belohnt werden, weil Produkte den Preis haben, der ihrem Aufwand entspricht. Auch etwas, was mit Menschenwürde zu tun hat.

Gebt ihr ihnen zu essen! Die Erfahrung, dass Gott sich um die Menschen sorgt, wie es uns das Evangelium von der Brotvermehrung zeigen will, ist kein leeres Wort. Gott sorgt für den Menschen, aber er tut es nicht an den Menschen vorbei. Er nimmt uns in die Pflicht, wenn es darum geht, sein Reich aufzubauen, ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, ein Reich, wo jeder Mensch in Würde leben kann.