Die vergangen Monate waren kirchenintern geprägt von der Diskussion um die Wiederzulassung des tridentinischen Ritus als Ausnahmeform römischkatholischer Liturgie. Die einen jubelten, denn in ihren Augen wurde damit ein innerkirchliches Ärgernis beseitigt. Die andern sind entsetzt, denn für sie bedeutet das Schreiben unseres Papstes ein Aussetzen des II. Vatikanischen Konzils. Beide liegen mit ihren Meinungen falsch. Wer die Verlautbarung des Papstes liest, darf feststellen, dass nicht der überkommene Ritus des Papstes Pius. wieder zugelassen wurde – die Piusbruderschaft jubelt zu früh – sondern eine Reform Pauls des VI. und die Verfechter des II. Vatikanums dürfen beruhigt erfahren, dass durch Papst Benedikt die durch das Konzil reformierte Liturgie ausdrücklich als die normale, die ordentliche Form des Gottesdienstes der Gemeinde bestätigt wurde. Die Aussagen des Konzils werden nicht geschmälert, was übrigens gar nicht möglich wäre, da das Konzil unter Vorsitz des Papstes die höchste kirchliche Autorität darstellt.

Hinter den Fragestellungen des Konzils als auch hinter den Diskussionen der vergangenen Wochen steht letztlich nicht die Frage nach einer bestimmten Form, Gottesdienst zu feiern. Vielmehr sind die verschiedenen Riten Ausdruck eines bestimmten Gottesbildes, das unser Denken, Tun und Feiern bestimmt. Unser Gottesdienst kann als Schwerpunkt die Anbetung eines übermächtigen, angstmachenden Gottes haben. Solch ein Gott muss durch Gebete und Opfer immer wieder gnädig gestimmt werden. Der Mensch kann vor ihm nur demütig in die Knie fallen. Generationen wurden durch solchen ein Gottesbild verängstigt.

Wir können uns aber auch als Gemeinschaft der Schwestern und Brüder verstehen, die sich mit ihrem Herrn um den Altar des Wortes und des Brotes versammeln. Dann erleben wir uns als die Gemeinschaft, die zwischen Gott und Mensch und unter den Menschen besteht. Diese Gemeinschaft feiern wir mit Jesus Christus in unserer Mitte. Die Eucharistiefeier als höchste Form katholischen Feierns bringt diese Gemeinschaft zum Ausdruck. In der Danksagung sind wir als Gemeinschaft um den Altar versammelt. Wie Jesus mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl gefeiert hat, feiern auch wir mit Jesus Christus in unserer Mitte. Durch die Form unseres Feiern drücken wir somit aus, welchen Gott wir glauben und ob dies der Gott ist, den uns Jesus Christus offenbart hat.

Wenn die Jünger Jesus darum bitten, dass er sie Beten lehrt, dann wollen sie damit auch das Gottesbild und damit die Gottesbeziehung ihres Meisters kennenlernen. Als Juden haben sie einen Gott kennen gelernt, der seinem Volk in Treue verbunden ist und zu dem Bund steht, den er mit den Seinen geschlossen hat. Andererseits begegnet ihnen dieser Gott als ein allmächtiger und strafender Gott, der sein Volk durch entsprechende Maßnahmen züchtigt. Es ist der Gott des Gesetzes, den sie kennengelernt haben. Bei Jesus erleben sie nun einen Gott, der sich als der Vater der Menschen zeigt und Menschen Freiheit schenkt. Wie ein Vater, der sich um seine Kinder sorgt, ist Gott für die Menschen da. In Liebe räumt er den Menschen die Freiheit ein, ihr Leben selbst zu gestalten. Gott traut dem Menschen zu, dass er sein Leben selbst in die Hand nehmen kann und lässt ihn machen. Dabei ist der Mensch nicht auf sich allein gestellt, sondern Gott bleibt in Rufweite. Der Mensch kann sich mit seinen Bitten an seinen Vater wenden und wird erhört werden. Das Gottesbild Jesu widerspricht der Darstellung eines Gottes der Angst, der Enge und des Zwanges. Gott braucht nicht den unterwürfigen Sklaven, sondern wünscht sich eine Tochter, einen Sohn, der sich seiner Würde bewusst ist. Vor dem Gott Jesu muss der Mensch kein Minderwertigkeitsgefühl entwickelt, sondern darf sich selbstbewusst seiner Größe freuen. Er muss vor Gott nicht buckeln, sondern er darf aufrecht vor ihm stehen. Der väterliche Gott entlässt den Menschen in ein Leben, das er in Freiheit verantwortlich gestalten darf.

Wenn wir mit den Worten Jesu beten und Gott unseren Vater nennen, dann bekennen wir uns damit zum väterlichen Gott Jesu. Gott ist uns Vater, der uns als seine Kinder annimmt und uns seine Liebe schenkt. Wir erleben uns Gemeinschaft der Kinder Gottes. Diese Gemeinschaft wird sichtbar, wenn wir uns um den Altar versammeln. Hier erfahren im Wort und in Brot und Wein, dass Christus selbst in unserer Mitte ist und mit uns feiert. Unsere Feier ist Ausdruck eines Bildes von Gott, das von Liebe und Weite geprägt ist und wo jeder Mensch mit seinem Leben einen guten Platz hat. So feiern wir Gott als unseren liebenden Vater und unsere Freiheit als Kinder Gottes.