Kirchliche Neubestimmung: Ihr seid frei!


Im Frühjahr dieses Jahres gab es kräftige innerkirchliche Verstimmungen. Eine schnell wachsende Gruppe von Katholiken hat sich klar und öffentlich zum II. Vatikanischen Konzil bekannt - zum Missfallen mancher Bischöfe. Es war ein positives Bekenntnis für den römisch-katholischen Glauben mit seinen grundlegenden Werten wie Freiheit, Gemeinschaft, Gerechtigkeit, Respekt und Akzeptanz die über Konfessions- und Religionsgrenzen hinausgehen und ihren Ausdruck in der Gestaltung von Liturgie finden.

Ein ähnliches Bekenntnis formuliert Paulus im Epheserbrief, den wir heute gehört haben. Paulus verkündet Christus als unseren Frieden, der Frieden gestiftet hat zwischen Juden und Heiden. Der Apostel betont in seinem Schreiben, dass Gottes Geist beiden zukommt, Juden und Heiden, und damit allen Menschen. Dieses Bekenntnis wurde vom II. Vatikanischen Konzil aufgegriffen, wenn es festlegt, dass auch außerhalb der römisch-katholischen Kirche Wege zum Heil möglich sind. Damit ist der Respekt vor anderen Religionen und Weltanschauungen verbunden, ein für die Kirche des 19. Jahrhunderts unvorstellbarer Gedanke.

Hatte die Kirche ihren absoluten Heilsanspruch bislang stark in der Ab- und Ausgrenzung von Andersgläubigen begründet, wurde nun die Enge des Denkens aufgebrochen. Der Respekt vor dem Denken des Anderen verhindert, dass ich das Denken des Anderen verteufle und für mich die alleinige und ganze Wahrheit beanspruche.

Das II. Vatikanische Konzil hat die Begründung des Glaubens verschoben. In der Rückbesinnung auf die Ursprünge der Kirche und ihre Grundlegung in den Büchern der Heiligen Schrift hat die Versammlung der Bischöfe den Standort der Kirche auf neue Art bestimmt. Sie ist nicht mehr den Weg der Abgrenzung von den Ungläubigen gegangen, sondern hat den eigenen Standort begründet. In der Auseinandersetzung mit der biblischen Botschaft, besonders den Inhalten des Evangeliums formulierte die Kirche, was christlichen Glauben ausmacht. Die verschiedenen Dokumente des Konzils formulieren die Inhalte unseres Glaubens als positive Werte. Es wurde klar, worauf sich die römisch-katholische Kirche bezieht und gründet und weshalb sie sich auch für religiöse Freiheit und Selbstverantwortung einsetzt. Auf der Grundlage eines positiven Selbstverständnisses konnte der Weg eröffnet werden, auch andere Religionen und Weltanschauungen als Wege des Heils zu akzeptieren und Menschen in der ernsthaften Auseinandersetzung mit den Fragen des Lebens zu respektieren. Es ist Zeichen eines christliches Selbstverständnis, anderen Menschen die Freiheit des Denkens zuzugestehen.

Diese Freiheit des Denkens ist Grundlage und Ergebnis des Friedens, den Christus zwischen den Menschen gestiftet hat. Sie ist Frucht des Geistes Gottes, der unter den Menschen wirkt. Wer sich bemüht, aus Gottes Geist heraus zu leben, der muss anderen Menschen diesen Geist zugestehen, auch wenn er selbst diese Freiheit nicht erfährt. In unserer Kirche blicken viele mit Sorge auf Entwicklungen, die konservativen Strömungen immer mehr Raum geben. Hier werden wir mit Denkweisen konfrontiert, die nicht den gleichen Freiheitsanspruch für den Nächsten vertreten, wie wir es mit der Botschaft des Evangeliums begründen. Im Namen des wahren Glaubens wird Menschen klar vorgeschrieben, wie sie Welt und Religion zu verstehen und zu leben haben. Wer anders denkt, ist schnell mit dem Teufel in Verbindung gebracht.

Begründet wird dies mit der Hirtensorge, die religiösen Führern übertragen ist. Schließlich hören wir heute im Evangelium, dass Jesus schließlich feststellt, die Menschen sind wie Schafe, die keinen Hirten haben. Aus diesem Gedanken heraus werden Menschen oft für dumm verkauft und es setzen sich Haltungen durch, die den Menschen klare Anweisungen zu geben versuchen. Früher wusste man noch, was man glauben muss, so denkt mancher, der sich schwer mit heutiger Freiheit tut. Jesus sieht den Hunger der Menschen nach Orientierung und lehrt sie lange, das heißt, nicht kurze klare Anweisungen gibt er den Menschen, sondern er bietet ihnen Antworten an. Wenn Jesus die Menschen lehrt, dann gibt er ihnen damit Orientierungshilfen und schlägt ihnen Verhaltensweisen vor. Doch der Mensch darf und muss letztlich selbst entscheiden, welchen Weg er gehen will - mit allen Konsequenzen.

Es fällt manchem unserer Mitmenschen schwer, Menschen so viel Freiheit zu lassen. Leichter scheint es, den Menschen an die kurze Leine zu nehmen und damit klare Vorgaben zu machen. Es mag einfacher sein, doch ob dieser leichte Weg dem Menschen wirklich entgegenkommt ist fraglich. Gott hat den Menschen mit Freiheit beschenkt. In Freiheit darf der Mensch seine Entscheidungen fällen und sein Leben gestalten. Nur so kann er auch die Verantwortung für sein Leben übernehmen. Unsere Aufgabe ist es, die Freiheit Gottes zu leben und so eine Alternative zu Enge und Ausgrenzung anzubieten. Es gilt aus unserer Überzeugung heraus einen Lebensentwurf anzubieten, der ansprechend ist und somit wirbt. Ob andere diesen Lebensentwurf annehmen bleibt ihre freie Entscheidung, doch es gibt die Zusage Jesu, dass das Bemühen der Menschen zum Ziel führen wird, die aus seinem Geist heraus leben.