Gedanken von mir
 

Die Sache mit dem Unkraut

In diesen Tagen kommen junge Christen aus aller Welt zum Weltjugendtag zusammen. Damit wird sichtbar, was unsere Kirche ausmacht. Christentum ist bunt, ist vielfältig und hat viele verschiedene Gesichter und eines davon ist europäisch oder deutsch oder bayrisch. In jeder Region unserer Welt findet das Evangelium eine unverwechselbare Gestalt. Menschen, die klare Bilder von der Kirche pflegen, tun sich oft schwer mit dieser Tatsache und im heutigen Evangelium klingt es so, als ob auch Jesus durch solche Entwicklungen überrascht wurde.

Das heutige Evangelium klingt hart und schockierend. Jesus lehnt die Bitte einer Frau aus Kanaan ab. Er weist sie zurück, weil sie nicht zum Volk Israel gehört. Jesus betont, dass er nur für die Kinder Israels zuständig ist. Welch hartes Wort aus seinem Mund, gerade auch für uns, die wir nicht zu den Kindern Israels gehören.

Wir können froh sein, dass die kanaanäische Frau sich nicht so einfach abweisen lässt, sondern hartnäckig weiter bohrt und mit einem Gleichnis kontert. Sie hält Jesus vor, dass sogar die Hunde in einem Haus etwas von dem bekommen, was unter den Tisch fällt. Gleichsam fallen auch für die Heiden Brosamen des Heils ab.

Wir können froh sein, dass die kanaanäische Frau so hartnäckig bleibt, weil damit klar wird, dass Christi Erlösungswerk nicht nur für wenige Auserwählte, sondern für die gesamte Welt bestimmt ist. Alle Menschen sind durch Christus erlöst worden und seine Botschaft hat Bedeutung für alle Völker.

Paulus, der Apostel der Heiden, unterstreicht diesen Gedanken, wenn er feststellt, dass die Zugehörigkeit zum Volk Gottes nicht durch die Herkunft des Menschen bestimmt ist, sondern durch die Erwählung durch Gott. So kann jeder Mensch in den Genuss kommen, dass er zum Kreis der Auserwählten gehört und es haben nicht die Menschen zu bestimmen, wer das ist.

Jesus harte Zurückweisung klingt vielleicht noch in unseren Ohren. Das ist gut so, denn wie es für Juden undenkbar war, dass es Auserwählte außerhalb ihres Kulturkreises gibt, so laufen auch wir Gefahr, Christentum nur europäisch zu sehen. Unsere Vorstellungen vom Christentum sind angereichert mit europäischen Gedanken und Bräuchen. Wenn wir von christlicher Tradition sprechen, dann meinen wir in der Regel nur das europäische Gesicht der Kirche. Dabei übersehen wir, dass sich Christentum in vielen Gestalten darstellt. Jede Region der Welt hat im letzten ein eigenes Gesicht von Christsein entwickelt. Diese vielen Gesichter werden durch die eine Mitte verbunden, die Jesus Christus ist.

Wenn Jesus so sehr auf seiner Sendung für das Volk Israel beharrt und von der Kanaaniterin belehrt wird, so dürfen wir uns genauso belehren lassen, wenn wir zu sehr in ein Denken verfallen, das Christentum nur in europäischen Strukturen sieht.

Unser Glaube hat sich von Anfang an als etwas sehr lebendiges erwiesen. Den ersten großen Schritt tut er im Überwinden der Grenzen des Judentums und der Entwicklung von einer jüdischen Sekte hin zu einer Religion. Den zweiten großen Schritt tut unser Glauben, wenn er sich aus seiner europäischen Enge löst und wirklich zu einer internationalen Religion mit vielen verschiedenen Gesichtern entwickelt.

Nur wer diese Weite zulässt, der weiß sich in einer lebendigen Religion zu Hause, der rechnet mit der Kraft Gottes, dem Heiligen Geist, der rechnet mit dem lebendigen Gott.

Unser Glaube trägt in sich die Kraft, menschliche Grenzen zu sprengen und sich in die Zeit hinein zu entfalten. So findet er Formen, die den verschiedenen Menschen entsprechen. In diesen Tagen wird das deutlich, denn bei aller Verschiedenheit werden Menschen aus aller Welt zusammengeführt zur gemeinsamen Mitte – Christus.

Hätte das Christentum nicht von Anfang an die Kraft dieses Geistes gehabt, dann wären wir keine Christen. Christi Botschaft hätte nie die Grenzen des Judentums überwunden und die Bitte der kanaanäischen Frau wäre endgültig abgelehnt worden.

Die Kraft des Hl. Geistes, der oft unverständliche Wege geht, er hat dafür gesorgt, dass aus der Bewegung um Jesus Christus eine Bewegung der ganzen Welt, eine Kirche für alle Generationen wurde. Unsere weltweite Kirche wird diese Bewegung bleiben solange es Menschen gibt, die ihr Christsein als Leben in Offenheit und Lebendigkeit gestalten und es verstehen, ihren Glauben in der Zeit leben.