Die allermeisten von uns haben ein Bankkonto. Besonders wenn es ein Sparkonto ist, dann ist jeder darum bemüht, darauf ein Guthaben anzusammeln.

Ähnliches Denken kennen wir, wenn es um Gott geht. Auch hier scheint es so, als hätten wir bei Gott ein Konto eröffnet. Auch hier wollen wir ein Guthaben ansammeln. Durch möglichst viele gute Werke wollen wir auch dieses Konto bei Gott immer gut gefüllt haben, damit am Ende unseres Lebens das Guthaben ausreicht, um ewiges Leben zu bekommen.

Ein junger Mann, so hören wir, kommt mit einer Frage zu Jesus. Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erhalten. Er könnte auch fragen, wie viel muss ich auf mein göttliches Konto einzahlen, damit ich dann sicher bin, dass es für das ewige Leben reicht. Zurückgefragt stellt sich heraus, dass dieser junge Mann die Gebote erfüllt hat. Warum entgegnet ihm dann Jesus mit dem Gleichnis vom Barmherzigen Samaritaner?

Jesus will den Menschen die Augen öffnen. Bei Gottes Geboten geht es nicht um einen Gesetzeskatalog, den der Mensch Paragraph für Paragraph abhaken kann. Vielmehr geht es hier um eine Grundhaltung. Wem es mit der Nächstenliebe ernst ist, der muss nicht fragen, wer ist denn mein Nächster, für den ist dann jeder sein Nächster, egal von welcher Familie und von welchem Volk er kommt. Liebe frägt nicht nach, ob jemand Hilfe verdient. Liebe hilft.

Wie wir in der Lesung gehört haben, sind die Worte Jesu nicht neue Gedanken. Auch im Buch der Gesetze – im Buch Deuteronomium – heißt es, dass Gottes Gesetz dem Menschen ganz nah ist. Es ist in seinem Herzen. Wer mit den Gedanken des Herzens sieht, der liebt. In bestimmt die Grundhaltung der Liebe.

Um den Gedanken des Kontos bei Gott nochmals aufzugreifen: Wenn wir von einem Konto bei Gott sprechen, dann müssen wir davon ausgehen, dass dieses Konto von Gott zum Überlaufen gefüllt ist. Er hat soviel Liebe darauf eingezahlt, dass wir von den Zinsen leben können. Wir müssen also nicht mit der Liebe sparen und können angstfrei Gottes Gebote erfüllen, indem wir die Liebe als Erfüllung aller Gesetze leben.

Leider zeigt uns die Erfahrung, dass wir immer wieder Hindernisse im Weg liegen finden, wenn wir lieben wollen. Verschiedene Ängste machen sich breit. Wir haben Angst, uns selbst zu verlieren und wollen deshalb unsere Sachen zusammenhalten. Ängstlich sorgen wir uns darum, dass ja kein schlechtes Bild unser Selbstbewusstsein in Frage stellt. Lässt sich fragen, welches Selbstbewusstsein? Oder wir haben Angst um unser Hab und Gut und verlieren viel Energie damit, dass hier ja im Überfluss auf der hohen Kante liegt. Wir haben Angst, den anderen zu verlieren. Wie schnell versuchen wir Menschen festzuhalten, die uns wichtig sind, und merken gar nicht, dass wir mit unserer „Liebe“ dem anderen den Atem nehmen. Oder wir versuchen den anderen auf das Bild hin zu lieben, das wir von ihm haben. Schließlich möchten wir ja vor unangenehmen Überraschungen sicher sein.

Wo jedoch wirklich Liebe ist, da hat Angst keinen Platz. Richtige Selbstliebe ist interessiert daran, sich selbst kennen zu lernen und so ein Profil zu entwickeln, das der Wirklichkeit entspricht. Wenn ich bin, wie ich bin und dabei zu mir sagen kann, ich darf so sein, dann brauche ich keine Angst zu haben, dass ich mich verliere. Ich kann mich dann auch selbst lieben. Das hat nichts mit Selbstverliebtheit zu tun sondern führt zu einem authentischen Leben. Echte Nächstenliebe lässt uns den anderen nehmen, so wie er ist. Dabei entsteht eine Atmosphäre, wo jemand sein kann. Hier erfährt er sich als getragen und gehalten aber nicht als festgehalten oder geklammert.

Solche Liebe wird zum Weg, der Menschen in die Freiheit führt, sowohl den Menschen selbst als auch den Anderen. Dieser Weg ist der Weg der Gottesliebe und damit auch die Erfüllung der Gesetze Gottes. Wenn wir also nachfragen, was müssen wir tun, dann kann die Antwort nur heißen, den Nächsten lieben wie sich selbst. Wer sich selbst wirklich liebt, der kann auch den Nächsten lieben. Liebt der Mensch sich und den Nächsten, dann liebt er damit auch Gott.