Geht! - Ihr seid gesendet!


Wenn Zeugen Jehovas an unserer Tür klingeln oder wir von Mormonen auf der Straße angesprochen werden, dann reagieren wir meistens reserviert. Ihr missionarisches Auftreten ist für uns doch ein sehr befremdliches Verständnis von Sendung. Dabei dürfen wir aber nicht übersehen, dass unser christlicher Glaube nicht Privatangelegenheit sein kann, der sich nur im stillen Kämmerlein abspielt. Unser Gottesdienst endet mit einem Entlassruf. In der lateinischen Version heißt es "ite missa est". Wird dieser Satz unverändert ins Deutsche übertragen, so lautet er "geht! ihr seid gesendet". Der Christ verlässt den gemeinsamen Gottesdienst mit einer Sendung. Er hat einen Auftrag für die Welt.

Wenn Papst Benedikt in diesen Tagen seine Enzyklika "caritas in veritate" veröffentlicht hat und sich dabei zu Themen der Globalisierung und Wirtschaft äußert, dann nimmt er damit die Sendung eines Christen in die Welt wahr. Bischof Wanke von Erfurt sieht für die katholische Kirche immer einen Auftrag für die gesamte Gesellschaft, auch wenn sie nur eine Minderheit darstellt. So bietet der Dom von Erfurt beispielsweise monatliche Trauerfeiern für alle Trauernden an - unbeachtet einer Religionszugehörigkeit. Christsein verwirklicht sich nicht nur in der eigenen Gemeinschaft, es muss auch Auswirkungen für die gesamte Gesellschaft haben.

Doch gerade weil christliches Leben Auswirkungen auf die Gesellschaft hat, stößt es immer mehr auf Widerstand. Die aktuelle Diskussion um Vorkommnisse in Kinder- und Jugendheimen hat leider nicht nur einen Aspekt von Gerechtigkeit für die Betroffenen. Diese Debatte wird auch von gesellschaftlichen Gruppierungen betrieben, um das Image der christlichen Kirchen zu schädigen. Auch in den Bereichen von Erziehung und Bildung wird immer mehr versucht, christliches Engagement zu verdrängen. Gesellschaftliche Gruppen, allen voran der sogenannte humanistische Verein, wollen Schritt für Schritt religiöses Gedankengut aus der Gesellschaft verbannen.

Welchen Grund gibt es dafür? Ist richtig verstandenes Christentum für den Menschen so gefährlich, dass man ihn davor schützen muss? Christliche Botschaft verkündet Freiheit, daran ändert keine noch so engverstandene Hierarchie etwas. Christliche Botschaft verkündet die unverlierbare Würde des Menschen, daran ändern auch die dunklen Zeiten kirchlicher Geschichte nichts. Christliche Botschaft gibt dem Menschen Hoffnung und Perspektive, weil sie ihn Halt in Gott finden lässt. Was sollte schlimm daran sein, zu glauben, dass Gott jeden Menschen liebt. Christliche Botschaft erinnert den Menschen daran, dass Gott zum Menschen in Beziehung tritt und sich für den Menschen einsetzt. Der Mensch ist damit nie mehr beziehungslos. Er lebt in Beziehungen, die er freiheitlich gestalten darf, für die er aber auch verantwortlich ist. Der Mensch kann nicht treiben, was er will. Die Freiheit des Menschen ist eine Freiheit, die Verantwortung mit sich bringt. Wäre dem nicht so, lebten wir in Anarchie.

Vielleicht ist gerade hier aber der Grund, weshalb sich gewisse Gruppen der Gesellschaft mit Religionen so schwer tun. Wer Gott glaubt, der kann nicht ohne die Verantwortung Gott gegenüber leben. Sein Leben hat einen Rahmen, der zum einen seine Freiheit begründet und ihm den Halt gibt, damit sein Leben nicht aus dem Rahmen läuft. Sein Leben hat aber auch Grenzen, Begrenzungen, die auch Menschen voreinander schützen. Werden diese Grenzen nicht von Gott gesetzt, dann setzt sie der Mensch. Doch ehrlich gesagt, wem gegenüber ist es besser verantwortlich zu sein, dem Menschen oder Gott?

Der Prophet Amos ist in Schwierigkeiten. Er wird vom Priester Amazja zur Flucht aufgefordert. Amos, der Viehzüchter und Landwirt, ist von Gott als Prophet eingesetzt worden, um gegen die soziale Ungerechtigkeit in Israel aufzutreten. Doch seine Worte werden von König Jerobeam nicht gerne gehört. Wer wird schon gerne kritisiert - noch dazu wenn man sich als Vertreter Gottes versteht und alle Macht im Volke unter sich vereinigt. Also soll die Stimme des Propheten verstummen. Was Amos erlebt, wiederholt sich in der Geschichte immer wieder. Vor einigen Tagen feierten wir das Fest des Thomas Morus. Er war die prophetische Stimme Gottes gegenüber Heinrich VIII. und hat seinen Widerstand mit dem Leben bezahlt. In heutiger Zeit gibt es eine Vielzahl von Christen, die durch Regierungen verfolgt werden, weil sie für die Würde und Freiheit des Menschen eintreten. Ihr kritisches Auftreten bezahlen nicht wenige mit dem Verlust der Freiheit und mit dem Leben. Wer für Gott eintritt, der muss nicht auf Beifall hoffen. Oft erntet er Widerstand, weil er für die Unverfügbarkeit menschlichen Lebens eintritt.

Jesus sendet seine Jünger. Dabei sollen sie einerseits nichts mit auf den Weg nehmen, andererseits sollen sie die unreinen Geister austreiben. Die Jünger Jesu haben keine Möglichkeit, die Menschen zu kaufen. Menschen, bei denen sie anklopfen, haben alle Freiheit, sie aufzunehmen oder weiterzuschicken. Die Jünger haben nur das Evangelium zu bieten, die Botschaft vom Heil des Menschen. Wenn sie bevollmächtigt sind, unreine Geister auszutreiben, dann lautet ihr Auftrag, die Menschen von Abhängigkeiten zu befreien. Es ist nicht die Bindung an Gott, die den Menschen fesselt, es sind die Fesseln an sich selbst und an die Menschen, die ihm die Freiheit rauben. Mit der Hinwendung an Gott erhält der Mensch seine Freiheit wieder. Hier allein findet er Heil und Erlösung.

Mit dieser Botschaft sind Christen in der Welt unterwegs. Als Christen haben wir den Menschen mehr zu sagen als Propheten, die im Namen der Menschlichkeit auftreten und nur an die Menschen glauben. Wir haben für die Menschen die Botschaft, dass Gott mit ihnen ist. Gott allein kann den Menschen wirklich Halt und Sicherheit geben. Gott allein kann den Menschen Würde und Freiheit bieten. Mit dieser Botschaft sind wir in unserer Gesellschaft unterwegs. Es lohnt sich diese Botschaft gegen alle Widerstände zu verkünden, denn sie bringt den Menschen Gerechtigkeit und Frieden - sie verkündet das Leben.