Gedanken von mir
 


Fleisch und Geist


Dem Apostel Paulus wird nachgesagt, er sei leibfeindlich. Ein Abschnitt aus seinen Briefen, wie wir ihn heute hören, könnte den Eindruck erwecken, diese Aussage würde stimmen. Paulus spricht vom Fleisch und vom Geist und stellt den Begriff Fleisch klar in die negative Ecke. Wir begehen einen Fehler, wenn wir meinen, es geht um die Teilung des Menschen in Fleisch und Geist, in gut und böse, in richtig und falsch. Es geht nicht um eine Aufteilung des Menschen, auch wenn es immer wieder häretische Strömungen gab, die genau dies beabsichtigten.

Mit Fleisch und Geist sind vielmehr unterschiedliche Haltungen gemeint. Bei Franziskus werden diese Haltungen deutlicher. Er spricht von der Zeit vor seiner Bekehrung als einem Leben in der Welt und dann einem Leben im Geist. Dabei versäumt er es nicht den Brüdern zu sagen, ihr Kloster sei die Welt. Bei Franziskus ist sichtbar, dass hier mit Welt nicht zweimal das gleiche gemeint ist. Er trennt vielmehr in ein Denken wie die Welt und ein Leben in der Welt mit dem Denken Christi. Parallel dazu dürfen wir bei Paulus vom Fleisch als dem Denken der Welt und vom Geist als dem Denken nach dem Beispiel Christi reden.

Was macht nun das Denken der Welt aus – Welt schließt unsere Kirche klar mit ein?

Weltliches Denken kennt die Haltungen der Macht, des Egoismus, der Sehnsucht nach Ansehen und dem Blick auf sich selbst. Dem gegenüber steht der Geist Christi, der geprägt ist von der Liebe, dem Blick für die anderen und das sich selbst wenig wichtig nehmen. Es geht also um Denkhaltungen und nicht um die Trennung der Menschen. Auch die Kirche ist nicht automatisch auf der Seite des Geistes, was ein Blick in die Geschichte der Kirche schnell deutlich macht. Auch die Kirche ist Welt, insoweit sie Macht ausübt und ihre Egoismen pflegt und Geist, insoweit sie sich wirklich vom Geist Christi leiten lässt und nicht in den Strukturen der Welt verurteilt, verordnet und zwingt. Der Weg Jesu war ein anderer Weg. Wer aus dem Geist lebt, der wählt den Weg Jesu.

Zu Recht fragen Menschen nach dem Ort, wo der Geist Christi spürbar ist. Wenn man uns nach dem Ort des Geistes fragen würde, müssten wir sofort antworten können, da und da und dort und … Je mehr Beispiele uns einfallen, desto besser ist das für die Glaubwürdigkeit der Kirche. Wir werden nicht an der Klarheit der Vorschriften gemessen, sondern an der Deutlichkeit, mit der bei uns das Evangelium gelebt wird. Das mit dem Evangelium leben ist so eine Sache.

Jesus tut einen beschämenden Ausdruck für alle Studierten. Nicht den Weisen und Klugen wurde Gott offenbart, sondern den Unmündigen. Das heißt nicht, dass man jeder Privatoffenbarung nachlaufen muss. Vielmehr ermutigt das Wort Jesu, das Evangelium so zu nehmen, wie es ist. Menschliche Weisheit nimmt gern Gottes Wort und erklärt, das sei so zu verstehen, diese Umstände sind zu beachten, es will uns folgendes sagen – dieses Spiel führt leicht dazu, dass kaum mehr etwas von der Brisanz übrig bleibt, die die Worte Jesu prägen. Je mehr die Texte der Hl. Schrift durchleuchtet werden, desto mehr wird dem gläubigen Leser die Mündigkeit abgesprochen, selbst angesprochen zu sein. Es werden menschliche Gesetze geschaffen und dem Evangelium wird der Zahn gezogen. Doch die Aussagen der Frohen Botschaft müssen nicht zuerst zerpflückt werden, damit Gottes Wort den Menschen erreicht. Es hat uns vielmehr etwas zu sagen, so wie es ist, wenn es auch oft unbequem ist – auch für uns als Kirche.

Die Bearbeitung des Evangeliums sorgt unterm Strich für klarere Anweisungen als ließe man es unkommentiert. Damit wird der Mensch in seiner Sehnsucht bedient, ein klares System zu erhalten, das alles regelt. So ein System ist ein einfacher Weg. Doch dann verkäme der Christ zum Befehlsempfänger. Das Evangelium aber lässt sich nicht für die Grundlegung starrer Regeln benützen. Vielmehr fordert es von jedem Menschen eine persönliche Entscheidung. Um entscheiden zu können, hat ihm Gott echte Freiheit gegeben und lässt ihm diese Freiheit, welche Menschen oft verweigern. Menschen, die aus dem Geist Gottes leben, leben in einer Freiheit, die zur Entscheidung führt und befähigt. In dieser Haltung übernimmt der Mensch Verantwortung. Dieser Weg ist anstrengend, er ist ein Kreuz, weil der Mensch selbst über sein Leben entscheiden muss und niemanden für die Folgen seiner Entscheidung verantwortlich machen kann. Es ist aber der Weg Gottes und Gottes Geist führt dabei.

Bestes Beispiel für ein Leben aus dem Geist sind unsere Heiligen. Niemand von ihnen ist heilig geworden, weil er Gesetze befolgt hat, sondern weil er sich für Gott entschieden hat. Heilige sind glaubwürdig, weil das Evangelium und nicht eine Institution das Maß ihres Lebens war. In Einfachheit wurde ihnen Gottes Richtschnur zur Lebensphilosophie. Heilige waren nicht Kluge und Weise im Sinn der Welt, sondern Unmündige, aber entschiedene Menschen im Geist des Herrn.

Menschen unserer Zeit fragen uns, wo der Geist Christi spürbar ist. Wir sind als Christen glaubwürdig, wenn es der Geist Christ ist, der unser Leben bestimmt und nicht die Welt mit ihren Gesetzen. Unser Ort zu leben, ist die Welt, jedoch ein Ort wo wir nach dem Vorbild Christi und geführt von seinem Geist leben.