Der Traum der vollkommenen Gesellschaft


Sport schreibt Geschichte. Athleten, die Höchstleistungen vollbringen, wie gerade die Schwimmerin Britta Steffen, haben eine Schlagzeile sicher. Hier die Freude über eine gute Leistung auf der anderen Seite die Entrüstung über Dopinggeschichten sind die beiden Seiten, die durch sportliche Leistungen hervorgerufen werden. Unsere Gesellschaft ist auf Höchstleistung getrimmt. Nicht immer tut das den Menschen gut, denn den vollkommenen Menschen, der immer nur das maximale aus sich herausholen kann, den gibt es nicht.

Während im Sport übernatürliche Leistungen immer kritisch beäugt werden, ist ein gleichsam kritischer Blick in unsere Gesellschaft hinein ungern gesehen. Während Doping im Sport gebrandmarkt wird, spielt es in unserer Gesellschaft keine Rolle, wenn hier Menschen nicht ihrer natürlichen Leistungskurve folgen dürfen. Es ist selbstverständlich, wenn Kinder immer früher bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gefordert werden und dabei unbelastete Freizeit immer mehr zurück treten muss. Es wird nicht diskutiert, wenn es für ältere Menschen keine Möglichkeiten gibt, in ihrem Beruf entsprechend ihres Alters etwas kürzer zu treten. Ganz oder gar nicht heißt es in den meisten Berufen. Das gilt für ältere, das gilt auch für Kranke und letztlich für Familien. Wenn vor zwei Wochen das Bischöfliche Generalvikariat als familienfreundlich ausgezeichnet wurde, dann nicht, weil dort viele Familien leben, sondern weil es als Arbeitgeber ihren Mitarbeitern die Möglichkeit gibt, trotz Arbeit gut für ihre Familie da zu sein. Dass solch ein Engagement ausgezeichnet wird, zeigt wie wenig selbstverständlich Familienfreundlichkeit in unserer Gesellschaft ist.

Unsere moderne Gesellschaft strebt an, eine Gesellschaft der Vollkommenen zu sein, eine Gesellschaft, die nur noch an Eliten denken muss. Menschliche Höchstleistung ist in allen Bereichen gefordert. Überspitzt gesagt: Wer nicht mit macht, wer Defekte hat, der bleibt auf der Strecke.

Im Buch der Weisheit wird ein Idealbild des Menschen benannt. Der Mensch ist zur Unvergänglichkeit erschaffen. Das könnte so verstanden werden, dass Gott den Menschen ja vollkommen haben möchte. Doch davon ist nicht die Rede. Auch wenn der Mensch einmal seine Vollendung bei Gott finden wird, so heißt das noch lange nicht, dass jeder Mensch die gleiche Vollkommenheit erhält. Menschliches Leben kennt irdische Endlichkeit, es kennt Krankheit, Verletzung und Not. Das ist aber kein Grund, den Menschen in die Minderwertigkeit und in ein Schattendasein zu schieben. Auch wenn der Tod zum menschlichen Leben gehört, so wird er von Gott positiv gesehen und als Mensch gewürdigt, egal was dieser Mensch leistet.

Menschliche Gesellschaft hat sich von einer solch positiven Menschensicht verabschiedet. Dieser Verschiebung hat Jesus etwas entgegengesetzt. Sehr vorsichtig und verschämt tritt die blutflüssige Frau an Jesus heran. Sie traut sich nicht, denn sie ist mit ihrem Leiden in den Augen ihrer Mitmenschen unrein und hat deshalb keinen Platz mehr. Auch Jesus traut sie nicht mit ihrer Bitte zu belästigen und doch erfährt sie Zuspruch und Heil.

Die Tochter des Jairus hat kein Leben mehr in sich. Durch Jesus wird sie wieder lebendig. Dabei wird nicht danach gefragt, ob sie es denn verdient hätte zu leben. Vielmehr verdeutlicht das Handeln Jesu einmal mehr, dass Gott das Leben der Menschen will. Im Fall der Frau und des Mädchens geht es um Leben im körperlichen Sinn. Heilung und Totenerweckung geben Menschen ihr Leben wieder zurück. Es geht aber auch um Leben im übertragenen Sinn. Die leidende Frau erhält durch ihre Heilung wieder Anteil an der Gesellschaft. Sie ist nicht mehr nur eine unreine Randgestalt, mit der man nichts zu tun haben möchte. Zum Leben gehören Rahmenbedingungen, die Kinder Kind, Kranke krank und Alte alt sein lassen und allen den Raum und Platz zugestehen, der ihnen gerecht wird. Zum Leben gehört auch ein Umgang mit den Menschen, der jedem Menschen sein Selbstwertgefühl lässt und Handeln die Menschlichkeit zugesteht. Leben im Sinne Jesu ist geprägt von der Menschlichkeit, die den Menschen ihren Raum und Platz entsprechend ihrer Bedürfnisse und Möglichkeiten gibt und gleichzeitig jedem Menschen seien Wert zuspricht.

Christliches Leben kann daher nie nur ein Glaube sein, der sich im stillen Kämmerlein abspielt. Der Glaube an Jesus Christus hat Konsequenzen, die immer auch andere Menschen betreffen. Ich kann nicht privat Christ sein, denn mein Leben spielt sich in Beziehungen ab und mein Handeln hat immer Auswirkungen auf andere.

Dass christlicher Glaube immer Auswirkungen auf die Gesellschaft hat, in der Christen leben, haben andere Gesellschaftsgruppen gut verstanden. Die aktuelle Heimkinderdebatte, die das Unrecht aufarbeiten soll, was Kindern in Erziehungsheimen angetan wurde, ist sicher eine wichtige Sache der Gerechtigkeit. Leider ist sie gleichzeitig der Versuch verschiedener Gruppierungen, das Image der Kirche und damit des christlichen Glaubens zu schädigen. Ziel ist es, Kirche aus den Bereichen der Erziehung und der Bildung zu drängen. Christliches Menschenbild und christliches Gesellschaftsbild sollen im Namen des Humanismus verhindert werden. Ziel ist eine entchristlichte Welt. Solch eine Welt ist aber auch entmenschlicht, denn sie kennte Gottes Gedanken nicht mehr, der an einen Menschen glaubt, der ewig lebt.