Mancher von Ihnen weiß, dass ich Jahr für Jahr Urlaub auf der Nordseeinsel Langeoog mache. Um auf diese Insel zu gelangen, braucht es eine Überfahrt mit der Fähre. Normalerweise verlaufen die 45 Minuten Fahrt ruhig, doch einmal musste sich die Fähre durch eine sehr unruhige See kämpfen. Immerhin schlug die eine oder andere Welle über die Reling. Meer oder See sind bedrohlich, auch wenn das Ufer sichtbar ist und das Vertrauen groß, dass der sichere Hafen erreicht wird. Auch weiß man bei der Überfahrt zu den Ostfriesischen Inseln, dass das Meer zwischen Insel und Festland nicht tief ist und starke Motoren im Schiff arbeiten. Und doch wird das Erschrecken der Jünger nachvollziehbar. Wenn ich dann noch bedenke, dass deren Boot auf starke Motoren verzichten musste, dann kann ich ihre Angst verstehen.

Die Jünger Jesu sind im Boot auf dem See unterwegs, ein Sturm kommt auf und sie fürchten berechtigt um ihr Leben, da steht Jesus auf und gebietet Meer und Wind und es wird ruhig. Und dann müssen sich die Jünger die Frage gefallen lassen: Habt ihr noch keinen Glauben? – habt ihr noch keinen Glauben, der eure Angst um euer Leben verdrängt, nämlich Glauben, dass Gott mit ihm Boot ist – mit ihm Boot auf dem See und im Boot des Lebens.

Wir wollen nicht mehr nur an das Boot denken, in dem die Jünger mit ihrem Meister sitzen. Denken wir eher an das Schiff des Lebens, das jeder von uns steuert. Auch dieses Schiff wird bedroht, sehr konkret durch soziale Not, verlorene Arbeit, Krankheit, zerstörte Beziehungen, … oder weiter gedacht durch Terror, Krieg, … wie oft war in den vergangenen Tagen von der Angst vor Anschlägen bei der WM die Rede. Vieles macht uns Angst um unser Leben und nicht jeder von uns hat die nötige Gelassenheit zu sagen, mich wird es schon nicht treffen.

Unser Leben wir auch bedroht durch enge Gesetze, Regeln, Missgunst, belastende Beziehungen, … Alles, was uns das Leben schwer macht und was uns den Atem zum Leben nimmt, bedroht unser Leben. Dazu gehört auch das, was uns die Lust am Leben vertreibt. Ein einfaches Beispiel sind Menschen, die Kindern nicht gönnen, dass sie einfach mal fröhlich über den Hof toben, oder Menschen, die sich über andere ärgern, wenn die ständig mit heruntergezogenen Mundwinkeln das Leben genießen.

Leben ist im Letzten auf viele Weisen bedroht – körperlich durch viele Formen der Gewalt, geistig – seelisch durch entsprechende Weisungen. Alle diese Bedrohungen haben eines gemeinsam, sie machen uns Angst und diese Angst lähmt uns. Diese Angst nimmt uns die Fähigkeit zu handeln und zu leben.

Die Jünger im Boot sind in der Mehrzahl erfahrene Seeleute. Als Fischer wissen sie mit ihrem Boot umzugehen. Und doch bekommen sie es mit der Angst zu tun und diese Angst lähmt sie, so dass sie nichts mehr unternehmen.

Ähnliche Angst kann eine Gemeinschaft befallen. Mit Gemeinschaft denke ich genauso an eine Familie, als auch eine Dorfgemeinschaft, den Staat oder die Kirche. In einer Gemeinschaft kann es beispielsweise sein, dass niemand so recht etwas tun mag, nur weil jemand etwas dagegen  haben könnte. Schon ist die Gemeinschaft als gesamte gelähmt und hat ihre Lebendigkeit verloren. Traditionen können so etwas Lähmendes an sich haben.

Traditionen sind für eine Gemeinschaft wie die Wurzeln einer Pflanze. Sie verankern die Pflanze in der Erde uns versorgen sie mit einem Teil der Nahrung. Doch die Pflanze kann nur wachsen, wenn sie sich nach Licht und Luft ausstreckt. Deshalb richtet sich eine Pflanze ja nach dem Licht aus.

In einer Gemeinschaft sind Traditionen wichtig, denn sie sind ein gutes Fundament, eine Grundlage für das Leben der Menschen einer Gemeinschaft. Doch wenn Traditionen Menschen festhalten, sie umklammern wie wenn Füße einbetoniert wären, dann verhindern sie Leben. Denn das Leben kommt aus dem sich Ausstrecken nach dem Licht, nach neuen Ideen, nach Träumen und Sehnsüchten. Dieses Ausstrecken nach dem Licht bringt den Menschen in Bewegung.

Wir kennen dieses Ausstrecken nach dem Licht, wir kennen aber auch die Unsicherheit, die uns immer dann befällt, wenn wir uns auf etwas Unbekanntes einlassen müssen. Wird diese Unsicherheit zur Angst vor dem Neuen, dann lähmt sie uns und verhindert das Leben, das sich im Neuen eröffnet. Wenn wir so von der Angst vor dem Ungewohnten befallen werden, dann müssen wir uns die Frage Jesu gefallen lassen: Habt ihr denn keinen Glauben? Vertraut ihr nicht darauf, dass ich, der Herr, mit meinem Geist Bewegung, Veränderung und Neuaufbrüche begleite? Ich bin doch der Gott des Lebens und der Zukunft und nicht der Gott des Todes und der Vergangenheit. Ich bin das Licht der Welt, nach dem ihr euch ausstreckt. Jedes Mal, wenn wir wieder die Tradition beschwören als das einzige, was Wert hat, weil sie sich bewährt hat, müssen wir uns die Frage nach dem Vertrauen in Gott als den Herrn der Welt stellen. Haben wir dieses Vertrauen, dann können wir es auch wagen, in stürmische See zu stechen.

Auf unser Lebensboot stürzt vieles ein, was uns Angst macht, doch wir dürfen vertrauen, Gott ist mit uns im Boot. Auf ihn dürfen wir vertrauen, denn er geht unser Leben mit. Und wo Gott ist, da ist nicht der Tod sondern das Leben.