Wer an das Gute glaubt, glaubt naiv


Vor einiger Zeit kam ich mit einem jungen Mann, einem kirchlichen Mitarbeiter, ins Gespräch. Es ging um das Verständnis von Gemeindearbeit. Das Gespräch kam an den Punkt, dass es für uns mit zum Umgang mit den Menschen gehört, an das Gute im Menschen zu glauben und jeden Menschen als Person mit positivem Potential zu sehen. Dieser junge Mann atmete tief durch und meinte zu mir, schön dass sie das auch so sehen, mir wird bei diesen Gedanken immer vorgeworfen, naiv zu sein und ein sehr naives Menschenbild zu haben.

Manchmal scheint es, als stehen Menschen mit einer positiven Menschensicht, wie sie dieser Mann vertritt, auf verlorenem Posten. Ihre Umgebung verbreitet eher eine Atmosphäre des Misstrauens und erwartet von ihren Mitmenschen nicht besonders viel Gutes. Klare Regeln und Strukturen gelten oft als einzige Garantie für die positive Entwicklung. Den Glauben an den Menschen selbst vermisst man. Ein Mensch, der anders denkt, scheint alleingelassen. Oft gibt er auf. Menschen, die ein positives Menschenbild, Werte wie Freiheit, Weite, Respekt, Akzeptanz und Liebe vertreten, fühlen sich im allgemeinen Meinungsstrom oft allein. Die Suche nach Menschen, die ähnlich denken, scheint vergeblich. Grund um mit diesen Gedanken, mit diesen Werten, aufzugeben?

Die biblischen Texte des heutigen Tages wollen uns lehren, bei unseren positiven Sichtweisen zu bleiben. Der Prophet Ezechiel spricht davon, dass Gott selbst den Baum "seiner Welt" pflanzt und ihm zum Wachstum verhilft. In Jesus Christus hat Gottes Weltsicht ein Gesicht bekommen. Gott wurde als Vater offenbart, der in seiner Liebe den Menschen annimmt und an ihn glaubt. Auch wenn Jesus selbst als der Gescheiterte erscheint, seine Botschaft hat alle Widerstände überlebt und hat den Weg in die Welt der Menschen gefunden. Aus dieser Erfahrung lässt sich die Hoffnung schöpfen, dass jedes Mühen für Gottes Reich nicht vergeblich bleibt, sondern - bei aller Langsamkeit - der Same der Liebe Gottes in der Welt treibt und Gottes Baum am wachsen ist.

Auch Jesus erzählt seinen Jüngern Bilder der Ermutigung. Der Bauer, der Samen aussät, hat das Wachstum seiner Pflanzen nicht in der Hand. Er vertraut darauf, dass der Samen auch ohne seine Hilfe keimt und schließlich wächst. Im zweiten Bild spricht Jesus vom Senfkorn, das zum Baum wird. Der Senfsamen ist kaum ein zehntel Millimeter groß, doch die Pflanze, die daraus wächst übertrifft den Menschen leicht an Größe.

Die biblischen Texte sollen uns ermutigen, mit unseren Idealen ernst zu machen. Wir sollen Mut finden, bei der Verwirklichung unserer Ideale die ersten kleinen Schritte zu tun, auch wenn sie uns als ungenügend erscheinen. Manche große gesellschaftliche Bewegung entsteht, weil ein Mensch mit einer Idee schrittweise ernst macht, ohne sich über seine Kleinheit Gedanken zu machen. Der Schritt dieses Menschen stößt andere Menschen an. Solch ein Schritt kann Menschen provozieren, indem er sie in Frage stellt und vielleicht sogar ärgert. Doch er zwingt Menschen, Stellung zu beziehen. Solch ein Schritt kann Menschen dazu bringen, mitzutun. Vielleicht hat der Andere nur darauf gewartet, dass jemand anfängt, weil er selbst ähnliche Gedanken hatte, aber nicht den nötigen Mut. Mein kleiner Schritt wird etwas bewegen - wie auch immer.

Eine zweite Ermutigung sprechen die biblischen Texte aus. Wenn es uns um die Sache Gottes geht, dann kommt es nicht auf uns allein an. Gott tut das seine dazu, dass sich aus dem kleinen Samenkorn, das wir mit unserem Tun säen, etwas Großes entwickelt. Es kommt nicht nur auf uns allein an, wenn sich Gottes Reich entwickeln soll. Gott wird für sein Reich sorgen.

Leben in einer Gesellschaft, in der Menschen oft nur eine Randrolle spielen, als Mitarbeiter an Gottes Reich, in dem jeder Mensch eine Hauptrolle spielt, lässt Menschen oft als Schwimmer gegen den Strom oder als alleinstehende Naivlinge erscheinen. Doch es lohnt sich, sich für Gottes Reich einzusetzen, denn es ist gesät und es wächst.